Samstag, 22. Februar 2014

Welche Rolle spielt Geld im Leben?

Marianne hatte im Lotto gewonnen. Sie war eine 41-jährige Frau, deren Mann weggelaufen und die Kinder ausgezogen waren. Freunde hatte sie nur sehr wenige und auch zum restlichen Teil der Familie gab es nur noch sporadischen Kontakt.
Das Spielen hatte sie aus reiner Langeweile und Neugierde angefangen. Damit gerechnet, dass tatsächlich dieser Lottoschein ihr ganzes Leben auf den Kopf stellen würde, das hatte sie definitiv nicht.

"1-5-13-21-23-41". Das waren ihre Zahlen, die sie Woche für Woche auf dem Lottoschein angekreuzt hatte. Marianne war eine Lottospielerin der Sorte "Zahlen als Symbole". Die 1, die 5 und die 13 kamen daher, dass sie am 1.5.2013 von ihrem Mann sitzen gelassen wurde. 21 und 23 waren jeweils das Alter ihrer beiden Kinder und 41 ihr eigenes.
Zunächst hatte sie garnicht mitbekommen, dass sie im Lotto gewonnen hatte, erst als sie durch das Radio erfuhr, dass sich der aktuelle Gewinner von 16 Millionen Euro nicht gemeldet hatte.
Als sie sich im Internet daraufhin die aktuellen Zahlen ansah, konnte sie im ersten Moment gar nicht begreifen, wie es um sie geschehen war.
Sie realisierte langsam, dass sie die alleinige Gewinnerin von diesem horrenden Geldbetrag war.
Nachdem sie sich überglücklich bei der Lottostelle gemeldet hatte, wusste sie zuerst nicht, was sie mit dem ganzen Geld jetzt anstellen sollte.
Sie zog ihre beiden Kinder ins Vertrauen und gab den beiden so viel Geld, dass sie das Studium ohne Geldsorgen finanzieren und vorallem aus den kleinen Einraumwohnungen ausziehen konnten. Jens und Clara waren überglücklich und versprachen, ihren Mund zu halten.

Doch irgendwie musste die ganze Sache publik geworden sein. Plötzlich rief Margot, eine Schwester Mariannes', die es vor vielen Jahren nach Fernost gezogen hatte, an. Sämtliche Freunde, von denen Marianne nicht einmal mehr wusste, dass sie existierten suchten den Kontakt und plötzlich stand Rüdiger, ihr Ex-Ehemann, reumütig vor der Türe.
Dazu kamen noch zahlreiche Fremde, welche sie bedrohten und bettelten.
"Gib' mir 100.000€ von deinem Geld und deinen Kindern wird nichts passieren!", "Ich brauche Geld, meine ganze Familie steht auf der Straße, zeigen sie doch ihre Gutherzigkeit!". Das waren nur zwei von den hunderten Briefen, die sich binnen weniger Wochen in Mariannes' Briefkasten verirrt hatten.
Auch auf der Straße wurde sie nicht nur von aufsässigen Reportern belagert, die unbedingt einen Artikel über die Veränderung von ihrem Leben schreiben wollten, auch Nachbarn und völlig Fremde suchten ihre Nähe und "wollten sie besser kennenlernen".
Marianne kam kaum noch aus dem Haus. Dieser plötzliche Druck, der von Außen auf sie ausgeübt wurde, setzte ihr stark zu. Sie fasste einen Entschluss: Raus aus Deutschland, eine Reise quer durch die Welt. Gesagt, getan. Bereits früh am nächsten Tag begab sich Marianne in Richtung Flughafen und bereitete die Wohnung auf ihre Abreise vor.

Ihre erste Station sollte Afrika sein. Als erstes Land hatte sich Marianne die Elfenbeinküste ausgesucht. Bereits als Kind wollte sie unbedingt genau dorthin, weil sie außer den Elefanten im Zoo noch nie einen echten gesehen hatte. Außerdem hatte sie sich ein weiteres Ziel gesetzt: Den armen Menschen dort zu helfen. Sie wusste, dass durch den Bürgerkrieg das ganze Staatssystem gelitten hatte und sogar heute noch Kinder als Sklaven oder billige Arbeitskräfte ausgebeutet wurden.
Da dies aber nur eine von vielen Etappen auf ihrer langen Reise sein sollte, hatte sie nur drei Tage pro Land.
Doch die reichten völlig: Sie machte eine Safari, besuchte zahlreiche Heime und machte Bekanntschaft mit vielen wunderbaren Personen. Sie spendete eine Million ihres Lottogewinns, verteilt auf verschiedene Heime und Projekte, damit es den Menschen dort besser ging, bevor sie weiter nach Südafrika reiste.
Dort wollte sie in erster Linie an sich selbst denken und in Kapstadt einige Tage Urlaub machen. Sie genoss die Zeit dort und machte sich gleichzeitig einige Notizen über die Frage, welche Rolle Geld in der "modernen" Gesellschaft spielt.

1.) Je weniger ein Mensch zum Leben hat, umso genügsamer und auch glücklicher ist er.
-> Warum ist das so? Die Menschen hier müssen am Existenzminimum leben und sind trotzdem glücklich.

Mit jedem Land, dass sie aus Gründen der Hilfe bereiste, wollte Marianne ihre Gedanken erweitern und versuchen, die Fragen zu beantworten, welche sich neben ihren Erkenntnissen ergaben.
Nach ihrem kurzen Aufenthalt in Kapstadt, wechselte Marianne den Kontinent. Es sollte nach Asien gehen. Hier wollte sie unter anderem die Kehrseite der Industrieländer Japan und China erkennen, aber auch Myanmar und Laos standen auf dem Plan, denn unter Anderem diese Länder müssen sich im Schatten der "Tigerstaaten" (so nannte man die Länder, welche durch schnelles und dynamisches Wirtschaftswachstum es vom Entwicklungs- zum Industrieland geschafft hatten) durch Landwirtschaft und Arbeit zum Billiglohn über Wasser halten.
In China und Japan waren ihre Erkenntnisse sehr eindeutig von vorallem sehr ähnlich. Auch hier waren die armen Menschen zufrieden mit dem, was sie hatten. Die Arbeit, sei sie noch so schwer und unterbezahlt, machte diese Leute glücklich. Allerdings musste Marianne auch erkennen, dass es in diesen gesellschaftlichen Strukturen verheerende Schluchten gab. Menschen, die zum Beispiel aufgrund eines Handicaps oder anderen Gründen nicht arbeiten konnten, wurden in Heime abgeschoben, in denen katastrophale Zustände herrschten.
Sie unterstütze auch hier verschiedene Heime und Projekte auf dem Land (beispielsweise eine Vereinigung, die Menschen auf dem Land medizinische Versorgung gewährleistete) mit jeweils mehr als einer Million ihres Gewinnes.

2.) Haben die Menschen Geld, werden sie immer gieriger und wollen mehr.
-> Benötigt man unbedingt materiellen Reichtum, um ein glückliches und erfülltes Leben zu führen? 

In Laos und Myanmar besuchte Marianne Kloster und lebte einige Zeit wie die Geistlichen. Diese Erfahrung beeinflusste ihr bisheriges Denken und ihre bisherige Sichtweise komplett.
Einer der Mönche sagte zu ihr, dass es früher lange nicht so ausgeprägt war. Früher hieß es, dass Geld und materielle Besitztümer nicht glücklich machten. Heute musste man Dinge wie "Geld mach nicht glücklich, aber lieber bin ich auf einer Yacht wie auf dem Feld unglücklich", lesen und hören.
Diese Einstellung beeinflusst dann selbst die Menschen auf dem Land und es vollzieht sich ein kompletter Sinneswandel, die Gesellschaft verändert sich.

3.) Die Gesellschaft verändert sich durch Geld negativ. Macht Geld glücklich?
-> Nein, im Gegenteil. Geld verändert die Menschen und Neid und Habgier sind an der Tagesordnung.

Mariannes letzte Stationen waren Peru und Chile in Südamerika. Auch hier wusste sie, dass die sozialen Gegensätze teilweise auf engstem Raum nicht größer sein konnten. Sie war in den tiefen der Slums und sprach mit den Menschen und fragte sie nach ihrer Situation.
Viele beschuldigten die Politik und die Regierungen, dass sie nichts gegen die Gegensätze unternahmen und nur den großen Firmen oder sich selbst die Taschen füllten. Sie beklagten, dass es für sie kaum eine Chance gab, eine Schule zu besuchen oder eine Ausbildung zu beginnen.
Hier half Marianne den Organisationen, auch in den abgelegenen Teilen der Länder, Schulen zu bauen und die Menschen direkt zu unterstützen. Sie verweilte am Ende über ein halbes Jahr im Südamerika und hatte mittlerweile einen großen Teil ihres Gewinnes verbraucht.
Sie zog ihr Notizbuch aus der Tasche und schrieb:

4.) Gehen wir richtig mit unserem Geld um? Predigt nicht die Politik immer am stärksten von Nächstenliebe und Unterstützung? Könnte man so die Kriminalität, die in vielen armen Ländern herrscht, eindämmen?

Mit diesen Fragen und vielen Erfahrungen kehrte Marianne nach Hause zurück. Sie lies einen Artikel veröffentlichen, in dem sie von ihren Erfahrungen berichtete. Sie hoffte, dass dadurch auch die ständigen Betteleien und Bedrohungen endlich ihr Ende finden würden, zumal sie von ihrem Gewinn gerade noch so viel übrig hatte, dass sie nicht mehr arbeiten musste, aber gut leben konnte.

Ende

Anmerkungen/Anregungen:
Gehen wir heutzutage falsch mit Geld um?
Verändert Geld den Geist der Menschen?

Hättet ihr ähnlich gehandelt wie Marianne?
Wird Marianne wohl nun in Ruhe gelassen werden oder werden die Belästigungen weitergehen? Was wäre denkbar?
Wie findest/finden Du/Sie die Ansätze, die Marianne während ihrer Reise niedergeschrieben hat?
Was wären mögliche Antworten auf die Fragen, die offen geblieben sind?
 

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