Mittwoch, 19. Februar 2014

Ein schicksalshafter Zusammenstoß

Jonas hatte es wieder sehr eilig. Wie mittlerweile fast jeden Morgen war er zu spät aufgestanden und musste den Weg in die Schule nun marathonähnlich zurücklegen.
Durch den Stadtpark konnte er seinen Schulweg deutlich abkürzen. Es war ein wunderschöner Morgen, etwas neblig, aber bereits jetzt herrlich mild. Viel Zeit, sich Gedanken über das Wetter zu machen, blieb Jonas jedoch nicht.
Auf dem Weg durch den Park sah er plötzlich dieses Mädchen. Es war jedoch zu spät, völlig gedankenlos rempelte er sie an.
Eine peinliche Situation.
"Hey, pass doch auf! Das war nicht nett von dir!". Doch schon hatte es ihn erwischt. Er stand völlig verduzt da, den Mund offen stehend. Sie warf ihm einen grimmigen Blick zu, bevor sie in Richtung Nordstadt verschwand. Langsam dämmerte es Jonas, er war viel zu spät, aber diese eine Frau hatte ihn und seine Gedankenwelt vollkommen in Beschlag genommen. Er kannte sie, wusste aber nicht mehr, als dass sie auf die gleiche Schule gingen.
Als er seinen Weg forsetzen wollte, bemerkte er, dass das Mädchen etwas verloren hatte.
Ein kleines Büchlein, vermutlich ihr Terminkalender. Er wollte nicht neugierig sein, jedoch konnte er einfach nicht davon lassen, den Planer zu öffnen und etwas über seine Traumfrau herauszufinden.
Sie hieß Jasmin, einen Nachnamen hatte sie jedoch nicht eingetragen, aber dafür ihre Handynummer.
Ob das seine große Chance war? Jonas wusste nicht recht, aber er beschloss, ihr eine SMS zu schreiben und sie auf einen Café einzuladen.

"Hey, hab' da was gefunden, was dir bei unserem stürmischen Treffen heute Morgen aus der Tasche gefallen ist. Darf ich dich auf einen Kaffee einladen? Morgen Nachmittag um 4? Jonas."
Ewiges Warten. Alle paar Sekunden warf Jonas einen Blick auf sein Handy. Dies ging so weit, dass nicht nur seine Nebensitzer in der Schule sich schon genervt von ihm abwandten, auch der Lehrerin entging dies nicht.
"Jonas, was machst du denn da die ganze Zeit? Gib mir das Mobiltelefon, du kannst es dir gerne morgen wieder abholen, solange liegt es im Sekretariat".
"Aber...Aber.. ich brauche es ganz dringend! Mein Opa ist ... äh ... im Krankenhaus und ich muss immer erreichbar sein!".
"Ja, das kannst du deiner Großmutter erzählen und jetzt gib mir bitte das Gerät, oder willst du, dass ich dir einen Termin beim Direktor hole?".
So musste Jonas trotz heftigen Widerstandes sein Handy abgeben.
"Was, wenn sie genau jetzt antwortet? Werde ich so die Chance meines Lebens verpassen?", dachte Jonas sich, aber im Moment half das alles nichts. Er hatte jetzt keine Möglichkeit mehr, dies zu überprüfen.

Auf dem Weg nach Hause ging er extra durch den Park, in der Hoffnung, Jasmin wiedersehen zu können. Und tatsächlich, war sie das nicht, wie sie auf der Bank saß und in eine Lektüre vertieft war?
Sie hatte ein unverkennbares Aussehen: Blonde Haare, oft zu Zöpfen zusammengebunden und ein wunderschönes Gesicht. Ja, das konnte nur Jasmin sein.
Er wollte sich ihr nähern, doch plötzlich kam eine ganze Menschenmasse an Joggern durch den Park gelaufen und Jonas kämpfte sich mit aller Gewalt durch sie hindurch.
Doch als er plötzlich vor der Bank stand, musste er erkennen, dass Jasmin schon wieder aufgebrochen war.
"So ein Mist! Hat sich eigentlich die ganze Welt heute gegen mich verschworen?", schrie Jonas laut hinaus.

Geknickt ging er nach Hause.
Dort angekommen fragte er sich, ob er das Ganze nicht vielleicht einfach abhaken sollte, vielleicht wollte das Schicksal die Beiden nicht zusammenführen. Doch er konnte einfach nicht aufhören, an sie zu denken. Alleine die Vorstellung raubte ihm den Atem, den Hunger, den Durst einfach jedes menschliche Empfinden.
Jonas war zwar schon in mehreren Beziehungen, aber das war ein komplett neues Gefühl für ihn.
Er konnte kaum einschlafen, so sehr erwartete er den nächsten Morgen und er hatte nur eine Frage: Hatte sich Jasmin mittlerweile auf seine SMS gemeldet?

Der nächste Morgen brach an und Jonas war schon lange vor dem Wecker wach. Gefühlt das erste mal in diesem Schuljahr war er pünktlich aufgestanden und hatte sich rechtzeitig fertig gemacht.
Er war schon eine halbe Stunde vor Schulbeginn eingetroffen und begab sich schnurstracks in Richtung des Sekretariates.
Er klopfte und trat ein und dort wäre ihm fast der Atmen stehen geblieben. Jasmin stand ebenfalls vor dem Tisch der Sektretärin und fragte sie in ihrer lieblichen Stimme: "Dürfte ich vielleicht mein Handy zurückbekommen?".
"Oh Kinder", sagte die Sekretärin, als sie bemerkte, dass auch Jonas das Sekretariat betreten hatte. "Könnt ihr eigentlich auch noch was anderes, als die ganze Stunde auf euer Handy zu starren, als ginge es um Leben und Tod?".
Sogleich sagten Jonas und Jasmin im Chor "Aber es ging um Leben und Tod!". Die beiden lächelten sich an und verließen mit ihren Handys das Sekretariat.

"Warum hat man dir dein Handy weggenommen?", fragte Jonas. "Ich vermute mal stark, dass es der gleiche Grund war, wie bei dir". Sie lächelte. "Ich habe dir geantwortet, dass ich sehr gerne einen Kaffee mit dir trinken würde und ich nehme an, dass du meinen Terminplaner im Park gefunden hast?".
Jonas war komplett sprachlos. In diesem Moment war er wohl der glücklichste Mensch auf der ganzen Welt.

Ende

Anmerkungen/Anregungen:
Hätten die Beiden eine reelle Chance? (Diese Geschichte ist fiktional, deswegen gibt es gewissen Interpretationsspielraum bezüglich eines Schlusses.)
Gibt es so etwas wie "Schicksal" oder war das lediglich alles ein großer Zufall?
Was wäre wohl gewesen, wenn Jasmin nicht ihren Planer verloren hätte? Wie könnte man sich den Verlauf der Geschichte dann vorstellen?
Ist Dir/Ihnen schon ähnliches widerfahren? 

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