Freitag, 21. Februar 2014

Verantwortung

"Wie viel Verantwortung trägt eine einzelne Person gegenüber dem Freundeskreis und der Familie?".
Diese Frage hatte Joey nach einem Artikel in der Zeitung schon den ganzen Tag beschäftigt. Er selbst wusste was es hieß, einen Freundeskreis zu haben, in dem sich die Personen gegenseitig nicht mochen und auch in der Familie taten sich immer tiefere Abgründe auf.

Joey war ein 18 Jahre alter Junge, welcher momentan dabei war, die Schule mit einem Abitur abzuschließen. Er war vom Grundsatz her keine schüchterne Person aber er tat sich dennoch schwer, sich anderen Menschen gegenüber zu öffnen. Joey hatte dementsprechend einen kleineren Freundeskreis:
Lediglich Maria, ihr Zwillingsbruder Jonathan sowie Laura und Benjamin hatten sich dort eingefunden, zu seinen anderen Mitschülern pflegte sie lediglich oberflächliche Kontakte und leichte Freundschaften.
Doch schon hier begann das Problem, welches für Joey auch der Anlass war, über seine gesamte Situation nachzudenken. Sein Freundeskreis in dieser Konstellation war erst seit einiger Zeit am zusammenwachsen und schon gab es Konflikte an allen Ecken und Enden. Maria mochte Benjamin nicht, der mit ihrem Zwillingsbruder gut befreundet war, welcher ab und an ein Problem mit der Art von Laura hatte und auch Laura war auf Benjamin und Marias' Verhalten nicht immer gut zu sprechen. Und dann war da noch Joey: Zwischen allen Fronten. Er versuchte immer, es allen recht zu machen, was sich aber mit der Zeit als unlösbare Barrikade herausstellte.
Dazu kam noch, dass die 5 in ihrer Unterrichtszeit nur teilweise einen gemeinsamen Kurs besuchten und sich so weitere Kontakte bildeten, welche sich dann aber wieder untereinander nicht verstanden.

Die Situation war ohnehin schon kaum durchschaubar und kompliziert genug, aber da war noch Joeys' Familienumfeld: Seit Jahren schon hatten sich seine Mutter und ihre Geschwister nichts mehr zu sagen. Nachdem seine Großmutter vor 3 Jahren gestorben war, spitzte sich die Situation noch weiter zu: Außer ihm und seiner Mutter, schaute niemand mehr nach dem Großvater, obwohl dieser sogar im gleichen Haus wie Joeys' Onkel wohnte. Einen Grund für diese Situation schien schnell gefunden zu sein: Joey und seine Familie. Schon seit seiner Geburt bildeten sich immer tiefere Risse im Fundament der Familie und es kam schließlich zu mehreren Streits und einem großen Bruch.
Man betitelte seine Familie als "die Bevorzugten", welche immer eine Sonderstellung im Leben der Großeltern einnahmen. Es ging sehr schmutzig zu, teilweise wurden sogar Gerüchte und Anschuldigungen wie "unrechtmäßige finanzielle Unterstützung" (ja, dieser total umständliche und an den Haaren herbeigezogene Begriff fiel damals), losgetreten.
Joey bekam zu dieser Zeit noch nicht viel mit, da er noch ein Kleinkind war, aber schon seit er eingeschult worden war, wusste er genau, wem er vertrauen konnte und wem nicht.
Zu der Familie seines Vaters gab es nie Kontakt, diese hatten sich auch nie groß für einen Neffen oder ein Enkelkind interessiert.
Am Anfang war es für ihn eine komische Situation, wenn seine Klassenkameraden bei Festen oder der Einschulung mit ihren Großfamilien erschienen waren. Alle hatten 2 Großelternpaare, zahlreiche Onkel und Tanten, Cousins und Cousinen und noch viele mehr.
Bei Joey waren es lediglich seine Eltern und ein Großelternpaar, welche ihn zu solchen Festivitäten begleiteten. Er hatte schon früh verstanden, warum die Situation so gekommen war, es zu verarbeiten gelang ihm jedoch erst sehr viel später.

Mittlerweile waren 12 Jahre vergangen, Joey stand kurz vor den schriftlichen Abiturprüfungen und trotzdem wünschte er sich manchmal, dass die Situation doch eine komplett andere sein könnte.
Er war ein sehr friedensbedürftiger Mensch, aber offenbar meinte es das Schicksal nicht gut mit ihm.
Er hatte doch alles menschenmögliche getan, um seiner Verantwortung gerecht zu werden?
Oder vielleicht doch nicht? Joey wusste es nicht genau.
Er tat alles, um wenigstens in der Schule und in seinem Freundeskreis ein einigermaßen harmonisches Verhältnis herzustellen, auch wenn das bedeutete, dass er manchmal seine Freunde zum Wohle der Gemeinschaft mehr oder weniger hintegehen musste.
Das war aber auch weniger schlimm, als es sich vielleicht anhören mag, damit war lediglich gemeint, dass er versuchte jedem neutral gegenüber zu sein und auf keine Intrigen und Lästereien einzugehen, aber das war manchmal gar nicht so leicht.

Er nahm sich seinen Block und einen Stift und versuchte zu notieren, was denn diese Verantwortung genau bedeutet.
Sein Fazit war einfach: Manchmal kann man sein Umfeld durch kleinste Handlungen sowohl im positiven als auch im negativen Sinne beeinflussen. Er kam für sich zu dem Schluss, dass die Verantwortung wohl bedeuten musste, dass er, sofern er die Vorzeichen erkannte, einschreiten musste um drohendes Unheil von sich und seinen Freunden oder der Familie ablenken musste.
Allerdings wurde ihm im gleichen Moment klar, dass das gar nicht immer ging. Gerade wenn die Fronten verhärtet sind, wie zum Beispiel in seiner Familie.
Lediglich die Freundschaft zu Benjamin und seine Stellung im Freundeskreis konnte er beeinflussen, aber wie? Sollte er versuchen, ihm offen zu sagen, dass keiner so richtig mit ihm Zeit verbringen wollte? Oder wieder "Schweigen im Sinne der Gemeinschaft"?
Er überlegte noch lange und fasste für sich einen inneren Entschluss, den er auch am nächsten Tag so durchsetzte.

Ende

Anmerkungen/Anregungen: 
Wie hättest/hätten Du/Sie als Leser dich/sich wohl entschieden? (Die Geschichte ist fiktional, weswegen sie kein "Ende" besitzt.)
Was wäre ein möglicher Lösungsansatz für die Familienfehde gewesen?
Hat Joey die Situation vielleicht gar nicht richtig beurteilen können? Wenn nein/doch, warum?
Was hältst/halten Du/Sie von dem Schluss, zu dem Joey gekommen ist?
Gab es in Deinem/Ihren Leben vielleicht schon ähnliche Situationen? 
Wie hätte wohl ein möglicher Schluss der Kurzgeschichte aussehen können?



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen