Dienstag, 25. Februar 2014

Mobbing - Was geschah danach? (Teil 2 von "Mobbing")

Nachdem Martin nun endlich wieder ein großes Stück an Normalität zurückbekommen hatte, veränderte sich sein Leben schlagartig.
Zuerst begann alles damit, dass sich seine Noten deutlich verbesserten. Während er nach Ende von Klasse Neun noch in das untere Drittel gehörte und die Zeugnislandschaft von Dreien und Vieren gerprägt war, arbeitete er sich Stück für Stück in das Mittelfeld und schließlich in das obere Drittel.
Er fand nach und nach den Anschluss in die Klassengemeinschaft und hatte sich bald einen beschaulichen Freundeskreis aufgebaut.
Zu Beginn wurde er noch oft gefragt, was es mit der Geschichte der letzten Jahre genau auf sich hatte. Er erzählte die Geschichte noch sehr oft, denn nicht nur seine Mitschüler, auch die Lehrer, die ihn ohne Angabe von Gründen in Richtung Rektorat schicken mussten, wollten wissen, warum es mit Martin in den letzten Jahren ein stetiges Auf und Ab gegeben hatte.
Einmal fragte einer eine Lehrerin, welche ebenfalls dafür bekannt war, dass sie sich für Opfer von Mobbingattacken einsetzte, wie es denn mit seinen persönlichen Gedanken ausgesehen hatte und ob er daran gedacht hatte, sich umzubringen.
Diese Frage stimmte Martin nachdenklich. Denn ironischerweise hatte er sich während der ganzen Zeit, selbst als er jeden Tag nur gelitten hatte, genau daran nie gedacht. Suizid war keine Option gewesen und Martin konnte nur jedem in der gleichen Situation raten, sein Leben nicht derart achtlos wegzuwerfen. Denn das war es nicht wert. In keiner Situation und schon gar nicht wegen anderen Leuten, die in ihrer Freizeit Defizite egal welcher Art abbauen mussten. Aus jeder Situation gab es einen Ausweg, seien es schlechte Noten in der Schule, Mobbing oder andere Probleme. Selbst wenn man sich noch so verloren fühlt oder ein Licht am Ende des Tunnels noch so schwer zu erkennen ist: Es gibt nichts, was man mit einem Menschenleben auf die Waage legen könnte.

Doch die Vergangenheit ließ Martin nicht los. Er trat in den örtlichen Musikverein ein, in dem es einige Leute gab, die damals in seiner Nachbarschaft wohnten und sich mitangesehen hatten, wie die Familie damals aus der Wohnung geworfen wurde. Doch der Fokus lag weniger dort, wie in der Tatsache, dass sich das Verhältnis speziell zu Tom und seiner Familie in einer Art änderte. Diese kann man als normal denkender Mensch wohl nicht begreifen.
Als in der Straße eine Baustelle zwecks eines neuen Gehweges eingerichtet und die Straße so schmal war, dass nicht einmal mehr ein Mensch und ein Auto aneinander vorbeikamen, durchquerte Martin gedankenlos die Passage. Marietta, die Mutter von Tom wollte zur gleichen Zeit die Straße hinauf fahren und musste so ebenfalls durch den Abschnitt. Sie sah genau, dass Martin gerade hindurch laufen wollte, aber anstatt anzuhalten gab sie Gas und streifte Martin leicht, welcher sich gerade noch auf die Mauer, welche sich neben ihm befand, flüchten konnte.
Wie in einem schlechten Horrorfilm oder Psycho-Thriller ging die Familie von Tom der von Martin nicht aus dem Weg, wenn man sich auf der Straße stand, sondern blieb stehen und schrie fast schon überschwänglich und bittersüß "Hallo, na' wie geht's euch?". Dies hatte jedoch keinesfalls etwas mit einem Friedensangebot zu tun, sondern war pure Provokation.
Nachdem Tom den Führerschein bekommen hatte, blendete er wie ein Verrückter auf, sobald er Martin oder jemanden aus seiner Familie sah, egal ob ebenfalls im Auto oder auf der Straße.
Einmal fuhr Martin gerade die Straße nach oben, als Tom direkt vor ihm den gleichen Weg eingeschlagen hatte. Dieser hielt dann mitten auf der Straße an und setzte sogar immer weiter zurück, auch wenn er damit den kompletten Verkehr aufhielt. Selbst dass sämtliche Nachbarn die ganze Szenerie beobachteten und vermutlich den geistigen Horizont von Tom in Frage stellten, das schien ihn in diesem Moment nicht zu interessieren.
Wie es alle, die selbst auf dem Land wohnen wohl sehr gut kennen, wurde auch hier versucht, der Ruf von Martins' Familie in den Schmutz gezogen zu werden. Marietta war selbst zu den Nachbarn gegangen und hatte versucht, ihnen "Wahrheiten und Tatsachen" über die Familie zu erzählen. Dies hatte sie allerdings so ungeschickt und widersprüchlich angestellt, dass im Endeffekt wohl ihre eigene Glaubwürdigkeit deutlich darunter gelitten hatte.
Doch das war noch lange nicht die Spitze des Eisberges. Mitten in der Nacht, es musste im Sommer gewesen sein, saß Martin mit seiner Familie auf der Veranda. Oberhalb verlief eine kleine Straße und in dieser Nacht liefen Tom und einige seiner Freunde dort entlang. "Spasten! Wichser! Arschlöcher". Und das waren noch die harmlosesten Beleidigungen, die von dort oben hinunter schallten.
Einige Wochen später flog eine mit Steinen befüllte Getränkedose hinab und hätte um ein Haar die Scheibe der Balkontüre zerschmettert.

Bis heute ist keine vollständige Ruhe eingekehrt, aber deswegen das Feld räumen und das geliebte Eigenheim aufgeben? Niemals! Heute nicht, morgen nicht und in 20 Jahren auch nicht.

Ende

Anmerkungen/Anregungen:
Vorab: Alles, was hier niedergeschrieben wurde, habe ich genau so erlebt. Viele Dinge sind nur Extrembeispiele und es gibt noch einiges mehr, was vorgefallen ist und noch bis heute vorfällt.
Ansonsten gibt es keine Fragen, die sich unter Umständen stellen (eventuell die Fragen bei "Mobbing")

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen