Montag, 24. Februar 2014

Mobbing

6:00 Uhr. Der Wecker klingelt und Martin erwacht aus seinem kurzen und nicht gerade erholsamen Schlaf.
"Oh je, erst Mittwoch, ich muss also wieder in diese furchtbare Schule..", denkt er, bevor er aufsteht und sich für die Schule fertig macht.
Martin ist in der neunten Klasse eines Gymnasiums und eckte immer bei einigen seiner Mitschüler an. Vorallem jedoch waren es die, die aus dem gleichen Ort kommen, wie er selbst und sogar in der gleichen Nachbarschaft wohnen, sogar im gleichen Haus.

Er denkt an verscheidene Szenarien aus seinem Leben. Unter anderem an eine, die sich im Winter vor 3 Jahren abgespielt hat, denn dort begann eine sehr schwere Zeit, die sich über Jahre hinweg ziehen sollte:
Er war mit Pascal, einem Schulfreund, der gleichzeitig sein Nachbar war, zur Rodelbahn gegangen. Zu Beginn war alles wie immer und es waren noch einige andere Klassenkameraden der beiden dabei. Plötzlich wurde Pascal übermütig und fand in Maik einen Partner und gemeinsam begannen sie, auf Martin herumzuhacken.
"In der Schule bist du ja nicht gerade ne' Leuchte. Wahrscheinlich bleibst du sitzen und schaffst nichtmal den Schulabschluss. Du bist so dumm!". Man musste an dieser Stelle anmerken, dass die beiden anderen Jungs in der Schule auch eher mit ihrem auffälligen Verhalten, als mit guten Noten glänzten und es schwer zu unterscheiden war, wann sie es auch wirklich ernst meinten und wann es lediglich necken war. Allerdings sollte es heute nicht nur bei verbalen Attacken bleiben.
Pascal kam auf Martin zu und stellte seinen Schuh auf seinen Schlitten. Martin versuchte noch, ihn wegzuziehen und nach Hause zu gehen, aber zu spät. Obwohl Pascal genau wusste, dass Martin hinter ihm stand, holte er zum Fußtritt auf eine Schneekugel aus und traf Martin direkt im Gesicht. Das Blut floss in dicken Tropfen aus Nase und Mund. Maik hatte sich daraufhin mit hämischem Grinsen im Gesicht direkt aus dem Staub gemacht. Pascal sah geschockt aus und entschuldigte sich grinsend mit "Sorry, sorry. Echt, das war nicht mit Absicht!".
Martin hatte genug, er ging mit seinem Schlitten nach Hause. Schon nach kurzer Zeit hörte er Pascal ihm "Jetzt hab' dich doch nicht so. So schlimm ist das auch wieder nicht!", nachrufen.
Martins Mutter reagierte geschockt und als er ihr schilderte, wie sich Pascal verhalten hatte, wusste sie nur einen Ausweg: Mit Pascals' Mutter über die Situation sprechen.
Dies war nicht allzuschwer, da beide Familien im gleichen Haus wohnten und man wusste, wann der Andere von der Arbeit nach Hause kam.
An den Dialog kann sich Martin nur noch bruchstückhaft erinnern. Er weiß aber noch genau, wie Ellen, die Mutter von Pascal reagiert hatte und wie schnell sich die ganze Situation entgleist war.
"Ellen, warte kurz. Ich muss mit dir sprechen.", suchte Martins Mutter das Gespräch. "Ja, klar, was ist denn los? Du siehst geschockt aus. Ist denn was passiert?", fragte Ellen.
"Das kann man so sagen!", erwiderte Martins Mutter. "Weißt du, dass dein Sohn heute Martin das Gesicht blutig getreten hat und es nicht für nötig gehalten hat, sich zu entschuldigen?". "Wie bitte?!", antwortete Ellen daraufhin geschockt. "Ja okay, ich werde mit ihm über die Sache reden und ihm sagen, dass er sich doch zu entschuldigen hat, aber du übertreibst doch auch maßlos, dein Martin ist auch alles andere als ein Engel!".
Diese Aussage war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Martins Mutter wurde nun lauter und strenger im Ton. "Das ist doch nicht das erste Mal, dass dein Sohn über die Stränge schlägt und andere Kinder grundlos verletzt! Kannst oder willst du das nicht einsehen?", raunte sie.
Ellen verschwand in ihrer Wohnung und die Tür fiel mit einem lauten Knall ins Schloss.
Am nächsten Morgen saß Pascal auf der Treppe und wartete auf Martin, da die beiden morgens normalerweise gemeinsam zur Bushaltestelle gingen.
"Martin, also.. Das, was dort gewesen ist, das tut mir leid, wirklich. Es kommt auch nich wieder vor und ich möchte nicht, dass wir deswegen keine Freunde mehr sein können, nimmst du die Entschuldigung an?".
Martin bejahte und dachte sich bei der Sache nicht mehr wirklich viel. Er hoffte, dass sich die Situation nun ändern und mehr Ruhe einkehren würde.
Doch schon auf der Bushaltestelle sollte er des Gegenteils überzeugt werden. Maik und sein bester Freund Tom warteten dort bereits und schon als sich Martin und Pascal näherten, fing Tom an, zu sticheln.
"Na, ist deine hässliche Fratze wieder verheilt und hast du dich wieder ausgesponnen?", warf er hämisch in Martins Richtung. "Bist' ja eh gleich wieder zu Mutti gerannt, damit sie das für dich regelt", kam es plötzlich aus Maiks' Richtung und Pascal stellte sich neben die beiden und setzte noch einen darauf. "Genau, ich hätte mich sonst doch nicht bei dir entschuldigt, das war doch nicht mit Absicht. Und jetzt wo ich es mir so überlege, geschieht es dir doch gerade Recht!".
Martin verstand die Welt nicht mehr. Aus den anfänglichen Provokationen wurden immer mehr handfeste Angriffe auf Martin und diese blieben nicht nur verbal.
In den nächsten Tagen und Wochen wurden Martins Schulsachen versteckt, durch das Klassenzimmer und sogar aus dem Fenster geworfen, er wurde grundlos beleidigt. Das waren nicht nur normale Schimpfwörter wie "Dummkopf", sondern Beleidigungen, die weit unter die Gürtellinie gingen.
In Absprache mit seinen Eltern zog Martin die Vertrauenslehrer und den Schulleiter ins Vertrauen. Er war fast jeden Tag auf dem Rektorat und musste seine Situation schildern. Nach der Schule war er mit dem Vertrauenslehrer alleine und erklärte ihm, was an den Tagen passiert war. Er führte Protokoll. Seine Noten litten sehr unter der Situation und Martin drohte sogar, in den unteren Bereich zu rutschen und unter Umständen das Schuljahr wiederholen zu müssen.
Es kam zu zahlreichen Konfrontationen und der Schulleiter drohte sogar mit Schulausschluss, jedoch lief jede Konfrontation etwa gleich ab: Der Rektor erklärte gemeinsam mit dem Vertrauenslehrer die Situation und konfrontierte Pascal, Maik und Tom mit den Vorwürfen. Diese zeigten sich wenig einsichtig und am Ende wurde sich symbolisch die Hand gegeben. An der Situation änderte sich jedoch nur wenig.
Einzig Pascal witterte die Gefahr und ließ irgendwann von Martin ab. Dies war allerdings zur gleichen Zeit, als die Familie von Martin aus der Mietwohnung gekündigt werden sollte. Die Nachbarn waren von Ellen stark beeinflusst und die halbe Straße stand gemeinsam bei der Vermietung vor der Türe und forderte den Rauswurf der Familie. Für einen Außenstehenden wirkt diese Situation etwas unwirklich, allerdings war sie genau so passiert. Die Familie von Martin wollte lediglich ihre Ruhe haben und distanzierte sich stark von den anderen Mietern. Allerdings gab es oft lautstarke Streits, meist zwischen der Mutter von Martin und Ellen. Diese sahen in Ellen die arme, unschuldige Frau, welche völlig zu Unrecht angegangen wurde und halfen ihr, indem sie Dinge erfanden wie zum Beispiel, dass die Familie von Martin nie die Mülltonnen an die Straße stellen würde oder die Haustüre offen stehen ließe und gingen damit dann zur Vermietung
Dieser ließ sich in letzter Instanz dazu bringen, dass er die Familie vor die Tür setzte und für die Wohnung Eigenbedarf anmeldete. Als die Familie von Martin auszog, standen alle Nachbarn an ihren Fenstern und auf den Balkonen und machten spöttische Bemerkungen. Die ganze Situation glich einer Hexenverfolgung im Mittelalter und so fühlte es sich auch an: Von allen regelrecht gehasst und verspottet zu werden, dass kann niemand spurlos an sich vorübergehen lassen.

Glücklicherweise konnte der Umzug relativ schnell vonstatten gehen und die Familie zog in ihr eigenes Häsuchen, zwar im gleichen Ort aber doch eher abgelegen. Die Familie hoffte, dass nun mehr Ruhe in ihr Leben einkehren würde.
Zu Beginn war das auch eindeutig der Fall und auch in der Schule schien Ruhe einzukehren. Martin fand allmählich wieder zu einem angemessenen Leistungsniveau zurück und konnte so eine Ehrenrunde abwenden. Die Familie wohnte nun in der gleichen Straße wie Tom. Er und Martin verstanden sich gut und auch die abfälligen Kommentare gab es nicht mehr. Dass man dem Frieden jedoch nicht trauen durfte, das wusste zu diesem Zeitpunkt noch niemand.
Das Verhältnis zwischen Tom und Martin änderte sich mit der Zeit. Die beiden waren mittlerweile in der achten Klasse angekommen und es schien sich eine ähnliche Situation einzustellen, wie vor einem Jahr mit Pascal. Martin hatte nicht immer Zeit und auch nicht immer Lust, etwas mit Tom zu unternehmen, der offenbar jeden Tag alles tat, außer an die Schule zu denken.
Angefangen hatte jetzt alles damit, dass Martin von Tom wegen seiner mittlerweile recht guten Noten provoziert wurde. "Alles nicht so schlimm, der wird sich schon wieder fangen", dachte Martin. Doch das genaue Gegenteil war der Fall: Tom suchte wieder die Nähe zu Maik, dessen Umgang ihm seine Mutter verboten hatte. Sie verbrachten wieder mehr gemeinsame Zeit und das bekam Martin deutlich zu spüren. Während er von Maik festgehalten wurde, warf Tom sämtliche Stifte und anderen Inhalt von Martins' Mäppchen quer durch das Klasssenzimmer. Die anderen Mitschüler saßen alle regungslos auf ihren Plätzen und suchten mit ihrem Blicken das Weite, als Martin um Hilfe bat.
Als er an einem anderen Morgen von der Toilette zurückkehrte, war dann plötzlich seine Schultasche verschwunden und erst als der Lehrer kam, stellte Martin fest, dass sie von aus dem Fenster geworfen worden war.
Der Lehrer, der die Klasse in dieser Stunde unterrichten sollte, bekam das Szenario hautnah mit. Martin konnte sich bis heute an diese Situation erinnern. Wenn man Herrn Pfeiffer so sah, rechnete man eigentlich mit dem Klischee-Pädagogen, der sich alles ansah, für sich selbst im Kopf analysierte und das Mandat dann an die Vertrauenslehrer abgab. Doch nicht so Herr Pfeiffer. Er nahm Martin mit vor das Klassenzimmer und ließ sich die komplette Situation von ihm schildern. Ausführlich und parallel dazu machte er sich einige Notizen. Er versprach Martin, dass er dagegen etwas unternehmen werde und vertraute ihm an, dass es bei seiner Tochter einen ähnlichen Fall gegeben hatte und er sich deswegen genau in Martins' Situation hineinversetzen konnte.
Zunächst ungläubig wartete Martin einige Tage ab, bis Herr Pfeiffer in einer anderen Unterrichtsstunde Tom, Maik und Jens, welchen man als kurzzeitigen "Trittbrettfahrer" bezeichnen konnte, einzeln vor den Klassenraum holte.
Was Martin mitbekam glich es einem Verhör. Immer wieder und im Wechsel wurden die 3 Jungs vor die Tür zitiert. Dies ging solange, bis es eine schlüssige Geschichte gab und Tom, Maik und Jens das Gleiche sagten.
Doch Martins' Euphorie auf eine baldige Änderung der Situation verflog schnell. Es folgte die obligatorische Aussprache, bei der sich nur Jens aufrichtig entschuldigte und dann auch von Martin abließ und fortan einen großen Bogen um Tom und Maik machte.
Dann ging es erst richtig los, diesmal vorallem auf der gefürchteten Plattform Internet. Martin wurde mit Profileinträgen, über private Nachrichten und vorallem auf den Pinnwänden der verschiedensten Menschen öffentlich diffamiert. Kommentare wie "Der hat nen' Kurzen", "Die kleine Dreckvisage" und andere, viel schlimmere Einträge fanden dort den idealen Nährboden.
Der Familie wurde es jetzt zu bunt: Die Kriminalpolizei wurde eingeschaltet und dank einiger Freunde konnte Martin schnell sämtliche Einträge sammeln und die bisher angelegten Protokolle sollten ebenfalls helfen.
Doch auch hier sollten unglückliche Umstände das Leben von Martin schwer machen. Es begann damit, dass der Polizist, welcher dem Fall zugeilt wurde, aus dem gleichen Dorf wie Martin und seine Peiniger kamen und auch die Familien von Tom und Maik sehr gut kannte.
Die angelegten Protokolle wurden als "nichtig" und "beeinflusste persönliche Realität" deklariert und verloren für eine verwertbare Anzeige ihren Wert. Sämtliche Bilder von Einträgen im Internet wurden als "universell" abgestempelt, frei nach dem Motto "Das kann ja jeder sein" oder "Da hätte man jeden Namen einsetzen können".
Die Anzeige wurde fallengelassen und die strafrechtliche Verfolgung der Geschichte wurde eingestellt.
Warum man überhaupt über eine Strafanzeige nachgedacht hatte? Neben den Angriffen in der Schule wurde Martin aufgelauert, er wurde mit physischer Gewalt bedroht und festgehalten. Doch auch hier galt das Berühmte "Hier steht Aussage gegen Aussage". Im Zweifel für den Angeklagten wurde natürlich auch hier sämtliche Verfolgung eingestellt. Als "dumme Jungenstreiche" bezeichnete man die Aktionen. Dass mit Böllern der Briefkasten gesprengt wurde oder das Auto zerkratzt war, waren in den Augen der Beamten schließlich alles Kleinigkeiten. Das Auto hätte ja auch die Katze zerkratzen können und für die Sachbeschädigung mit dem Briefkasten gab es keine Zeugen.
Lediglich zu einer "Verwarnung" mit der Drohung, dass sonst eine Vorladung auf das Polizeipräsidium folgen könnte, wurde im Endeffekt erwirkt. Ein schwacher Trost, angesichts der Tatsache, dass sich Maik und Tom dadurch nicht abschrecken ließen und der Quälereien nicht müde wurden.
Tag für Tag zwang sich Martin in die Schule, um dort am liebsten auf dem Absatz kehrtzumachen.
Seine Noten vielen rapide in den Keller und wieder war Martin an der Situation angelangt, an der unter Umständen seine Zukunft nachhaltig hätte beeinflusst werden können. Doch was konnte man in solch einer Situation tun? Die einzige Möglichkeit bestand darin, die Schule zu wechseln und zu versuchen, so dem ganzen Trubel zu entgehen. Doch Martin wehrte sich wehement dagegen und dies drohte sogar, die Familie von ihm zu zerstören. Er blieb eisern und schaffte es, dass seine Eltern vom Schulwechsel abließen.

In den folgenden Wochen und Monaten stellte sich auch heraus, warum dies die beste Lösung war, die sich in dieser Situation angeboten hatte: Pascal verließ aufgrund zu schlechter Noten das Gymnasium und besuchte fortan die Realschule. Tom und Maik wollten unbedingt die Schule wechseln, nämlich auf ein technisches Gymnasium in der Nachbarstadt, wohin Martin im Zweifelsfall auch gegangen wäre, falls es zu einem Schulwechsel gekommen wäre.
Ruhiger wurde es angesichts des Schulwechsels jedoch nicht. Martin besuchte weiterhin regelmäßig das Rektorat wohl öfter, als jeder Schüler, der diese Schule jemals besucht hatte. Der Vertrauenslehrer wechselte regelmäßig und alle taten das Selbe: Hören, Analysieren, Hände schütteln. Im Endeffekt hatte das genau den selben Erfolg wie jedes Mal: Keinen.
Es kam schließlich das Ende der neunten Klasse und Tom und Maik, sowie einige ihrer Freunde, welche ab und an Trittbrettfahrer spielten, verließen das Gymnasium.

Ende

Anmerkungen/Anregungen:
Vorab: Diese Geschichte ist autobiografisch und ungeschönt genau so passiert. Teilweise habe ich Details und einzelne Etappen weggelassen (speziell gegen Ende, da sich viele Sachen einfach wiederholten oder Tag für Tag immer das Selbe passierte), da diese sonst den Rahmen gesprengt hätten und ich wohl einen ganzen Roman damit füllen könnte. Ich werde zu dieser Geschichte eine Fortsetzung in der Gegenwart verfassen, in welcher ich aus heutiger Sicht noch einmal darüber reflektieren werde, was passiert ist und wie das ganze sich in den folgenden Monaten und Jahren entwickelt hat.

Welches Ende wäre für diese Geschichte denkbar? Was wäre wohl passiert, wenn Martin die Schule gewechselt hätte?
Im Nachhinein war mein erster Gedanke, warum die Geschichte eigentlich so gewaltlos abgelaufen ist. Was wäre ein mögliches Szenario, wenn sich Martin gewehrt hätte? War das so richtig?
Was hätte man (z.B seitens der Eltern) noch tun können?
Kennst Du/Kennen Sie eine ähnliche Situation?

Was denkst Du/denken Sie über die Verhaltensweise der Polizei, des Schulleiters, der Lehrer und der Mitschüler?
Gibt den Typ Lehrer des Herrn Pfeiffer heute noch oder ist er ein seltenes Auslaufmodell?

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