Donnerstag, 20. Februar 2014

Falsche Freunde - Wahre Freunde

Lukas und Nicole kannten sich jetzt seit über 2 Jahren. Wirklich kennengelernt hatten sie sich in der Schule, als die Klassen in der Oberstufe neu gemischt wurden.
Lukas war sofort verzaubert von ihr. Ihre Art, ihr Aussehen, alles hatte gepasst. Ein Paar ist aus ihnen zwar nie geworden, aber Lukas hatte das nie weiter gestört, sie wurden sehr gute Freunde und erlebten in der Oberstufe einige Abenteuer miteinander.
Als die Abiturprüfungen anstanden, hatten sie sich gegenseitig geholfen und Mut gemacht und beide hatten den gleichen Studienwunsch: Molekulare Medizin.
Lukas hatte ein sehr gutes Abitur, weswegen ihm durch den Numerus Clausus kein Hindernis geschaffen wurde. Er schrieb sich an seiner Wunschuniversität in München ein und erhielt schon mit dem Studienplatz eine Zusage für ein Studentenwohnheim. Die Freude war groß, jedoch erhielt Nicole vorerst leider eine Absage.
Die Wochen vergingen und an einem sonnigen Sommernachmittag meldete sich Nicole plötzlich bei Lukas.
"Du wirst es nicht glauben! Ich habe eine Zulassung bekommen! Wir können gemeinsam studieren! Ist das nicht toll?".
Lukas freute sich aufrichtig mit ihr und besonders auf den Studienbeginn, da er sich jetzt keine Sorgen mehr machen musste, komplett alleine zu sein.
Zur Freude Aller erhielt Nicole sogar eine Zusage für das selbe Studentenwohnheim wie Lukas.
"Das wird die beste Zeit unseres Lebens", sagte Lukas zu Nicole. Diese freute sich ebenfalls sehr und die restlichen Monate bis zum Studienbeginn vergingen nun noch wie im Fluge.

Oktober. Sandrine, die beste Freundin von Lukas, hatte ihn noch gewarnt, er solle mit Nicole vorsichtig sein. Zu Beginn hatten die drei einen gemeinsamen Mathe-Brückenkurs, denn Sandrine wollte sich in die Welt der Physik wagen und hatte so in Mathe einige Fachüberschneidungen mit den Beiden.
Zu Beginn des Studiums war alles wunderbar und so, wie Lukas es sich vorgestellt hatte. Die neuen Leute waren zwar etwas verhalten aber "das wird sich schon geben", hatte er gedacht.
Auch Sandrine und Nicole, die schon zu Schulzeiten alles andere als Freundinnen waren, verstanden sich gut. Jedoch wusste Lukas zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass alles anders kommen würde, als er es sich bis jetzt vorgestellt hatte.
Die Zeit verging, er genoss das Leben in München in vollen Zügen und da der Herbst es dieses Jahr mit den Menschen besonders gut meinte, konnte er noch einige Male Sonne satt genießen.
Es war Ende Oktober und das Thermometer zeigte noch immer Temperaturen ab 20°C aufwärts. Ein herrliches Wetter und so verabredeten sich Lukas und Sandrine im Park, da sie sich auch schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen hatten.
Sie saßen eine ganze Weile schweigend auf einer Parkbank und ließen die Sonne in ihre Gesichter scheinen, bis Sandrine das Schweigen brach.
"Sag mal, hast du mittlerweile eigentlich Freunde gefunden?", fragte sie. Lukas blickte sie entsetzt an und erwiderte: "Wie kommst du denn darauf? Ich hab' doch gesagt, dass das alles eine Weile dauert, bis ich mich an die ganze Lebensumstellung gewöhnt habe!". Schweigen.
"Ich möchte dich wirklich nicht verletzen oder angreifen, aber hast du dir mal überlegt, dass das ganze vielleicht ein wenig an Nicole liegen könnte? Sie ist schon immer so gewesen. So einnehmend, weißt du?".
Doch Lukas wollte das nicht hören, er wiegelte ab und ignorierte jede Warnung von Sandrine, obwohl er tief im Inneren genau wusste, dass sie mit ihren Worten komplett Recht hatte.
Er dachte an die bisherigen Tage, die er und Nicole jetzt gemeinsam studierten. Sie bestimmte immer, wo die beiden Platz nehmen sollten. Sie setzte sich immer so, dass für Lukas meist nur ein Randplatz übrig war. Sie ist eine eher schüchterne Person und so waren die beiden aufeinander angewiesen.
Jedes Tutorium, jede Übung, alles außerhalb der Universität taten die Beiden gemeinsam.
Zu Beginn für Lukas kein Problem. Er sah nicht, dass er sich damit unter seinen Kommillitonen die Kontaktaufnahme auch selbst verbaute.

Mittlerweile war das Wintersemester schon vorangeschritten und Weihnachten rückte schon in greifbare Nähe.
Nicole hatte sich verändert, in vielerlei Hinsicht. Während sie und Lukas zu Beginn der Studienzeit jeden Freitag und jeden Sonntag gemeinsam mit dem Zug nach Hause und wieder nach München gefahren waren, kamen immer öfter Ungereimtheiten dazwischen und Nicole und er fuhren immer seltener gemeinsam.
"Meine Oma ist im Krankenhaus", "Ich musste den Drucker installieren und noch lernen", "Meine Eltern bringen mich heute hin und wir gehen noch ein wenig in die Innenstadt". Das waren nur einige wenige Aussagen, welche Lukas Woche für Woche glaubte. Er wurde zwar immer misstrauischer, nicht zuletzt da Nicoles neuer Freund nicht wirklich gut auf ihn zu sprechen war, aber auch Warnungen seitens Sandrine und sogar seiner Eltern konnte und wollte er nicht hören.
So lief das ganze mehr oder weniger miserabel vor sich hin, bis der Punkt kam, an dem es auch Lukas langsam dämmerte.
Er fand bei seinen Kommillitonen keinen Zugang mehr, lediglich ein, zwei Frauen hatten sich in seinem Bekanntenkreis eingefunden. Diese verstanden sich mit Nicole blendend, doch Lukas wünschte sich keinen reinen Damenbekanntenkreis. Nicole wurde immer seltsamer in ihrem Verhalten ihm gegenüber. Sie sprach immer weniger, nur über Belanglosigkeiten wie beispielsweise das Mittagessen, während sie mit ihm noch einige Wochen voher über Geldsorgen, Freundschaften und andere tiefsinnige Themen gesprochen hatte.
Sie saß in den Vorlesungen teilweise 90 Minuten fast still und regungslos neben ihm und als er sie fragte, was denn mit ihr los sei, antwortete sie nur schnippisch "Wieso? Ist doch alles in Ordnung!" und versank dann wieder in ihre Gedankenwelt.
Und da wurde ihm klar, dass er sich jetzt unter Umständen seinen ganzen Studienbeginn verbaut hatte. Die anderen Studenten hatten sich schon in ihren Grüppchen zusammengefunden und auch Nicole hatte sich ihren kleinen Frauenfreundeskreis aufgebaut, nur Lukas stand eigentlich komplett alleine da.

Sandrine feierte eines Abends ihren Geburtstag und lied aus Toleranz neben Lukas auch Nicole ein, obwohl sich die beiden nicht wirklich gut verstanden. Dieser Abend sollte einen Wendepunkt in Lukas' Leben einleiten. Ihm ging es schon den ganzen Tag nicht besonders gut. Dazu kam der ständige Stress, denn Lukas saß seit Semesterbeginn eifrig an Nacharbeitungen und Übungen für die Uni, sodass die meisten Tage dann für Lukas mit Arbeit begannen und auch endeten.
Auf Sandrines Geburtstag war er nur wenige Minuten, als es begann: Seine Hände kribbelten, ihm wurde speiübel und schwindelig. Er ging daraufhin mit Nicole nach Hause, die ihn sogar zu Fuß nach begleitete, anstatt den Bus zu nehmen.
Lukas wurde sehr krank und zusammen mit Sandrine fuhr er am nächsten Tag nach Hause. Dies zerstreute zuerst seine Zweifel, da Nicole alles mögliche tat, dass die beiden heil nach Hause kamen.

Die kommenden Wochen war Lukas nur sehr unregelmäßig in München, da es ihm immer wieder besser, dann schlechter und dann doch wieder besser ging. Als er Nicole fragte, ob sie ihm die Blätter mit dem verpassten Stoff schicken könnte, tat sie dies zwar, aber meistens erst viel später, wie Lukas sie eigentlich gebraucht hätte.
Als er mehr oder weniger genesen dann im neuen Jahr wieder nach München zurückkehrte, traf er auf die verschiedensten Leute, die sich sehr freuten, dass Lukas doch wieder zurückgekehrt war und er war ebenfalls froh, dass es ihm wieder mehr oder weniger gut ging.
Als er Nicole nach einer Vorlesung begegnete, traf ihn fast der Schock. Sie sah ihn an und fragte volkommen kühl: "Na, wie lang bleibst du dieses mal in München?".
Im Wohnheim angekommen setzte sie dem Ganzen noch die Krone auf: "Na, hast du jetzt ne' psychische oder ne' körperliche Krankheit?".

Und Lukas begriff, dass Sandrine, seine anderen Schulfreunde und seine Eltern die ganze Zeit Recht gehabt hatten.
Nicole war ein ganz anderer Mensch, als Lukas sie eingeschätzt hätte. Trotz seiner guten Menschenkenntnis.

Ende

Anmerkungen/Anregungen:
Wie hätte wohl ein mögliches Ende der Geschichte aussehen können? Welche Konsequenz hättest/hätten Du/Sie gezogen? (Die Geschichte ist nicht fiktional, es gibt also ein Ende!)
Gab es in Deinem/Ihren Leben schon eine ähnliche Situation?
Warum hat Lukas so lange nicht erkannt, dass mit Nicole etwas nicht stimmt? Was denkst/denken Du/Sie?
Was könnte bei Nicole der Auslöser für den (recht) raschen Sinneswandel gewesen sein?
Warum hat wohl Sandrine so schnell davon abgelassen, Lukas zu überzeugen?


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