Susanna wollte weg, einfach nur weg. Ihre Eltern gingen ihr permanent auf die Nerven, das Dorf, in dem die Familie wohnte, langweilte und die Geschwister wollten nichts mir ihr zu tun haben.
Susanna war 18 Jahre alt und hatte im Frühjahr ihr Abitur bestanden.
Sie hielt ihre eigene Familie für zu perfekt. Die Eltern stritten sich nie, ihre Geschwister waren richtige Musterschüler. Und sie selbst? Sie war das schwarze Schaf der Familie. Sie hatte keine schlechten Noten, stach aber auch nicht mit besonderen Leistungen heraus, was ihre Eltern ihr immer wieder ankreideten.
"Willst du nicht noch ein Ehrenamt übernehmen? Dich im Verein engagieren?", "Nur ein 2,0 Schnitt? Schau dir doch deine Schwester Rebecca oder deinen Bruder Ruben an, die glänzen mit ihren Noten!".
Susannas Großeltern waren schon viele Jahre gestorben und Kontakt zum Rest ihrer Familie gab es nicht. Sie hatte sich einen stabilen Freundeskreis aufgebaut, aber nie konnte sie auch nur einen Fuß über die Schwelle der Haustüre setzen, ohne dass ihre Eltern versuchten, sie aufzuhalten.
"Mit wem triffst du dich? Aber wohl hoffentlich mit Jessica und Rainer? Die sind doch kein Umgang für dich, Kind". Gut, manchmal schlugen die Freunde von Susanna ein wenig über die Stränge, aber sie waren keinesfalls kriminell oder straftätig, wie ihre Eltern sie gerne bezeichneten.
Schon mit Beginn ihres sechzehnten Lebensjahres war für Susanna eines klar: Das Abitur über die Bühne bringen und ausziehen. Was sie machen wollte? Entweder Schauspiel studieren oder eine Ausbildung zur Tanzlehrerin machen. Doch auch dies versuchten ihre Eltern ihr tagtäglich madig zu machen.
"Ach, Schauspiel ist brotlose Kunst. Du siehst doch selbst, dass selbst mittelbekannte Schauspieler auf Hilfe angewiesen sind und das Tanzen ist doch nicht mehr als ein Hobby. Mach doch lieber etwas richtiges. Studier doch BWL oder Medizin!".
Susanna konnte es nicht mehr hören. Von klein auf hatten ihre Eltern versucht, sie und ihre Geschwister auf Erfolg zu polen. Ihr Bruder Ruben war bereits 20 und hatte nach seinem Traumabitur mit Auszeichnung begonnen, Medizin zu studieren. Nebenbei war er noch im lokalen Sportverein aktiv und hatte zahlreiche Ehrenämter in der Gemeinde inne. Glücklich machte ihn die Situation jedoch nur eingeschränkt: Er hatte nie richtige Freundschaften schließen können, da er stets lernen musste, wenn alle anderen Kinder im Freibad entspannten oder im Winter Rodeln gingen.
Susanna hatte ihn schon oft darauf angesprochen, ob er nicht einfach ausbrechen wolle, doch er antwortete immer, dass er ihre Eltern nicht enttäuschen könne und der Zug mit den großen Freundschaften sowieso abgefahren sei.
Susannas' Schwester Rebecca war ein Jahr jünger als sie und war bereits Mitglied in einem Physikerverband sowie einer großen regionalen Partei. Sie war aktiv in einem Musikverein sowie dem örtlichen Gemeinderat. Sie war außerdem auf dem Weg, das Abitur als Stufenbeste abzulegen.
Nachdem sich herausgestellt hatte, dass sich Susannas' Abiturschnitt wohl um eine 2,0 herum bewegen würde, waren die Eltern sichtlich geknickt.
"Was haben wir bei dir nur falsch gemacht? Wieso bist du nicht so wie deine Geschwister?".
Der Tag der Zeugnisübergabe rückte näher und die Familie war gerade auf dem Abschlussball von Susanna. Schon den ganzen Abend wäre Susanna am liebsten weggelaufen. Ihre Eltern wollten nicht zu den Eltern ihrer Freunde sitzen, redeten ständig schlecht über Susannas' Leistungen und waren die ersten, die die Veranstaltung wieder verließen.
Susanna war sichtlich geknickt und in ihr stieg der Drang, so schnell wie möglich das Weite zu suchen. Sie bewarb sich schon eine Woche später auf diversen Schauspiel- und Tanzschulen. Auf Anraten ihrer Eltern tat sie ihnen den Gefallen und bewarb sich parallel für ein Medizin- und ein BWL-Studium.
Sehr schnell bekam Susanna sowohl eine Zusage für ein Schauspielstudium in Köln, sowie ein BWL-Studium in Ulm. Doch was sollte Susanna nun tun?
Hier wird die Geschichte interaktiv und ich habe mir überlegt, 2 verschiedene Versionen für die weiterführende Handlung zu schreiben.
Version 1: Susanna in Ulm
Susanna ließ sich in letzter Instanz von ihren Eltern und ihrem Bruder dazu überreden, das BWL-Studium aufzunehmen. Sie hatte so den großen Vorteil, dass ihre Eltern nun bereit waren, die Finanzierung des Studiums und einer Wohnung zu übernehmen. So hatte sie in Ulm ihr eigenes kleines Appartement bekommen und musste sich keine Sorgen machen, was das Geld anbelangte.
Jedoch war das Studium die reinste Hölle für sie. Sie hatte sich im Voraus sehr wohl informiert und gedacht, dass es so schlimm schon nicht werden würde, doch sie sollte vom genauen Gegenteil überzeugt werden: Wirtschaft war schon in der Schule nie ihr Lieblingsfach gewesen und jetzt sollte sie ihr ganzes Leben in irgeneinem langweiligen Bürojob blieben? Schon ein halbes Jahr nach Studienbeginn wusste Susanna genau, dass es so keinen Wert hatte. Aber abbrechen konnte sie nicht, dafür war sie schon zu weit gegangen. Sie vertraute sich mit ihren Problemen Ruben an.
Der offenbarte Susanna sein schreckliches Geheimnis: Ihm ging es nicht anders als ihr. Er hasste sein Studium, er wollte nie Arzt werden. Die Vereinsarbeit und sämtliche Ehrenämter waren ihm schon von Anfang an auf die Nerven gegangen. Einen Rückzieher sollte es jetzt jedoch keinen mehr geben, nachdem er schon 6 Semester an seinem Medizinstudium saß.
Susanna begriff jetzt, dass es so bei ihr nicht weitergehen konnte. Sie ging nicht zu den Prüfungen am Ende des Semesters und erhielt so automatisch eine 5,0 in jedem Fach, woraufhin sie der Hochschule verwiesen wurde. Sie beschloss, zu fliehen und zwar nach Amerika. Sie packte ihre Sachen und kündigte den Mietvertrag eigenmächtig. Sie nahm alles Geld, was sie hatte und spielte ihren Eltern vor, das zweite Semester als Auslandssemester in Amerika zubringen zu wollen.
Sie nahm schon den nächsten Flug nach Kalifornien. Was sie genau machen wollte, das wusste sie nicht genau. Ihr Englisch war nie sonderlich gut gewesen und richtig arbeiten konnte sie in Amerika auch nicht, da ihr die Green Card fehlte.
Doch diese Probleme interessierten Susanna in diesem Moment nicht, sie verließ in einer Nacht und Nebelaktion Deutschland und quartierte sich in Kalifornien in die billigste Absteige ein, die sie bekommen konnte.
Hier lernte sie, was es hieß, ohne Familie und Unterstützung selbstständig machen zu wollen. Sie lebte Tür an Tür mit Drogendealern und potenziellen Straftätern. Die Polizei klopfte nicht nur einmal mitten in der Nacht an ihre Türe und stellte ihr ganzes Zimmer auf den Kopf.
Ihr war klar, dass sie Arbeit finden musste, denn auch ihre Eltern schienen misstrauisch geworden zu sein. Denn nachdem sich Susanna Monate nicht gemeldet hatte, stellten sie sämtliche Zahlungen komplett ein. Es war ihr in diesem Moment völlig egal gewesen. Sie wollte komplett unabhängig sein und risktierte im selben Moment, komplett abzurutschen. Doch das wollte Susanna in diesem Moment nicht wahrhaben.
Sie jobbte hier und dort. Mal schwarz als Kellnerin in einer Bar, mal als Putzfrau im Hostel, in dem sie wohnte. Doch es reichte hinten und vorne nicht. Was sollte sie jetzt tun? Bei ihren Eltern zu Kreuze kriechen? "Die würden mir doch eh' nicht verzeihen", dachte sie.
Sie versuchte, an eine Arbeitserlaubnis zu kommen, wurde jedoch mehrfach abgelehnt. Es gab jetzt nur noch zwei Möglichkeiten: Die Wahrheit sagen und zurückkehren oder weiterhin illegal arbeiten und riskieren, in die Kriminalität abzurutschen. Doch Susanna war zu stolz, auf ihre Eltern einen Schritt zuzugehen. Zu groß war gleichzeitig ihre Angst, von ihren Eltern verspottet und verstoßen zu werden.
Doch es kam, wie es kommen musste: Als Susanna eines Abends ihre Schicht in einer Spielunke, in der mehrere illegale Einwanderer arbeiteten, antreten wollte, stand die Polizei vor der Tür und wollte ihre Arbeitserlaubnis sehen.
In ihrer Panik war Susanna mit einigen anderen Bardamen durch die Toilette auf die Straße geflohen. Was dann passierte, das weiß niemand so genau. Die Polizisten hatten die Gruppe über eine Stunde hinweg verfolgt und Schüsse waren gefallen.
Alle fünf Bardamen hatten die Flucht nicht überlebt, einschließlich Susanna. Als ihre Eltern dies erfuhren, wurde ihnen schlagartig bewusst, dass sie so nie mit ihrer Tochter hätten umgehen dürfen. Doch diese Einsicht kam leider zu spät und keiner der Polizisten, die Susanna und ihre Kolleginnen getötet hatten, wurde stafrechtlich belangt.
Ende (1)
Version 2: Susanna als Schauspielstudentin
Susanna ließ sich von ihren Eltern nicht beirren und beschloss, Schauspielerin zu werden. Trotz starken Widerwillens bezahlten ihre Eltern ihr ein WG-Zimmer in Köln. Trotz der ein oder anderen Hürde, die sie zu bewältigen hatte, genoss Susanna ihr neues Leben in vollen Zügen.
Es war wahrlich nicht einfach, in so einer teuren Stadt wie Köln einen adäquaten Nebenjob zu finden, doch Susanna fand schließlich als Aushilfe in einem Restaurant eine guten Weg, problemlos über die Runden zu kommen.
Das Studium machte Susanna sehr viel Spaß. Sich selbst immer wieder neu zu erfinden, andere Rollen zu testen, die verschiedensten Gefühle möglichst effektvoll darzustellen, genau das war schon immer ein Traum von ihr gewesen.
Sie fand bei ihren Schauspielkollegen schnell Anschluss und war nie allein. Doch ihre Eltern wollten nicht aufgeben, Susanna zu bekehren. Ständig erhielt sie Anrufe und Briefe, in denen sie aufgefordert wurde, ihre Träume beizubehalten aber doch bitte etwas anständiges zu machen, um "keine Schande über die Familie zu bringen".
Doch sie lebte ihren Traum und war in ihrem Leben nie von etwas mehr überzeugt als von der Idee, Schauspielerin zu werden.
Susanna war die Jahrgangsbeste und am Tag des Abschlusses kamen sogar ihre Eltern zu der kleinen Vorstellung im Rahmen der Absolventen. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, so aufgeregt war sie, ihren Eltern endlich zu beweisen, dass ihr Ziel mehr als nur ein Luftschloss gewesen war.
Das Stück, welches aufgefürt wurde, war eine moderne Interpretation von Friedrich Dürrenmatts Drama "Der Besuch der alten Dame" und Susanna spielte die Hauptrolle: Die alte Dame.
Die Vorstellung war ein großer Erfolg. Alle Schauspielstudenten gingen in ihren Rollen förmlich auf und die Professoren und Angehörige, welche sich das Drama angesehen hatten, überschüttete die Gruppe mit Lob.
Auch Susannas' Eltern erkannten, dass in ihrer Tochter ein sehr großes Potenzial steckte und dass sie all die Jahre mit ihren Kindern falsch umgegangen waren. Sie entschuldigten sich in aller Form bei ihr und versprachen ihr, sie in allen Situationen von nun an fest zu unterstützen.
Die Familie verbrachte einen gemeinsamen Urlaub und in den folgenden Jahren wirkte Susanna zwar in einigen Filmproduktionen mit, studierte aber parallel zur Schauspielerei doch noch "International Business". Sie arbeitete später in einer großen Produktionsfirma als Vorstandsmitglied und Schauspielerin. Sie hatte erkannt, dass es nicht richtig gewesen war, sich ihren Eltern derart zu widersetzen und ihre Eltern hatten erkannt, dass das Drillen auf Leistung eigentlich vollkommen unnötig war. Ruben beendete trotz allem Widerwillen dennoch sein Medizinstudium und schlug den Weg in die Forschung ein. Susannas' Schwester wollte Lehrerin werden und nahm nach ihrem Abitur ein Lehramtsstudium auf, was von ihren Eltern zwar kritisch begutachtet, aber akzeptiert wurde.
Ende (2)
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